Zuhause in Seoul

Neujahrsfest – Seollal

Mit Seollal wird in Korea der Neujahrstag nach dem Mondkalender bezeichnet. Auch wenn man zumindest in Seoul am 1. Januar ganz gut feiern kann, hat Seollal eine wesentlich größere Bedeutung.

Warum Koreaner oft zwei Jahre älter sind und was das mit Seollal zu tun hat (falls uninteressant, 3 Paragraphen überspringen). Wenn man eine koreanische Person nach dem Alter fragt, erhält man nicht selten folgende Antwort: „Meinst du mein internationales- oder mein koreanisches Alter?“. In Korea wird nämlich jeder am Neujahrstag ein Jahr älter – ganz offiziell! Das ist mitunter recht verwirrend: Um es zu verstehen muss man bedenken, dass Koreaner bei der Geburt bereits ein Jahr alt sind, weil die Zeit der Schwangerschaft zum Alter gezählt wird. Ganz so abwegig ist dieser Gedanke ja nicht, oder? Während wir also mit dem Jahr null anfangen, sind Koreaner bei der Geburt bereits ein Jahr alt.

Das zweite Jahr ist etwas komplizierter, allein aus dem Grund, weil in Korea zur Zeit ein Generationswechsel stattfindet. Die alte Generation berechnet ihr Alter nach dem aktuellen Mondkalenderjahr. Genauer – sie werden nicht an dem jährlichen Tag ihrer Geburt ein Jahr älter, sondern an Seollal – dem Neujahr nach dem chinesischen Mondkalender. Demnach werden alle Koreaner am selben Tag ein Jahr älter. Die jüngeren Generationen rechnen so, wie wir. Aus diesem Grund haben besonders junge Koreaner ein „internationales“ und ein „koreanisches“ Alter.

Beispiel: Yuna’s Tag der Geburt fällt auf den 20. Januar. Sie ist somit knapp vor Seollal geboren und ist bei ihrer Geburt bereits ein Jahr alt. Seollal fällt auf den 25. Januar und das Neugeborene wird deshalb an diesem Tag bereits ein Jahr älter. Das Baby, das bei uns in Deutschland am 25. Januar erst 5 Tage alt wäre, ist nach koreanischer Rechnung bereits zwei Jahre alt.

Traditionell isst man zum ‚älter-werden‘ Tteok-guk, eine Suppe mit münzenförmigen Scheiben aus Reiskuchen.

Taemin und ich verbrachten den Neujahrstag ganz traditionell bei seinen Eltern. Wir waren nur zu fünft, begrüßten seine Oma aber kurz über Skype. Die Eltern werden sie jetzt besuchen, allerdings muss T heute arbeiten. Nachdem wir aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens für 30km quer durch die Stadt ganze 1.5 Stunden benötigten, begrüßte uns seine Mutter erstmal mit Japchae. Das ist eine Nudelspeise, die aus Süßkartoffelnudeln hergestellt wird. Nebenbei bemerkt ist es eines meiner liebsten koreanischen Gerichte :). YUM!

Japchae ist definitiv ein 'sicheres' Gericht, wenn man neu in Korea ist
Japchae ist definitiv ein ’sicheres‘ Gericht, wenn man neu in Korea ist

Anschließend pausierten wir für eine Stunde, bevor ich Taemins Mutter und Schwester bei der Zubereitung des Abendessens helfen sollte. Traditionell stehen die Frauen in der Küche, was zumindest an den wichtigsten Feiertagen noch so praktiziert wird (wobei T’s Schwester ihn später ebenfalls in die Küche schleifte und anmerkte, dass wir im 21. Jahrhundert leben, haha). Während der Pause zeigte Taemin mir diverse alte Zeugnisse, Kinderfotos und natürlich durfte auch seine obligatorische Zeit beim Militär nicht fehlen. Tja – so sicher es sich auch anfühlt … Südkorea ist besser etwas zu viel, als etwas zu wenig vorbereitet.

Übungsgranate, aber echtes Gegengift gegen die chemische Waffe VX

Irgendwann riefen uns Taemins Eltern ins Wohnzimmer. Dort hatte Mihyeong, seine Schwester, bereits eine weiche Decke ausgebreitet. T’s Eltern saßen vor der Decke. Mein Freund hatte mir kurz zuvor noch zugeflüstert, dass jetzt die traditionelle Verbeugung von uns erwartet wurde. Was? Wie? Zum Glück hatte Hally, eine liebe koreanische Freundin von mir, noch am Donnerstag mit mir geübt, haha. Wir stellten uns zu dritt nebeneinander auf und führten die Verneigungszeremonie durch. Anschließend erhielten wir zu meiner Überraschung jeder einen Umschlag mit ziemlich viel Geld :O. In diese Umschläge darf man übrigens erst schauen, wenn man sich nicht mehr vor der der schenkenden Person befindet. Dadurch wird eine mögliche, sichtbare Enttäuschung (Gesichtsausdruck) vermieden. Das wusste ich zum Glück ;).

Gemeinsam mit Mihyeong sowie seiner Mutter bereitete ich ab 17:30 Uhr die Speisen zu. Koreanisches Essen ist wirklich eine Menge Arbeit, weshalb besonders die Zubereitung der Beilagen nur noch von den Hausfrauen praktiziert wird. Jüngere Koreanerinnen, die Vollzeit arbeiten, haben im Alltag ganz sicher keinen Nerv mehr dazu!

An einem Feiertag wie Seollal ist es jedoch eine wunderbare Gemeinschaftsaktivität. Wir unterhielten uns natürlich über T’s und meine bevorstehende Hochzeit, sind mit der Planung allerdings noch keinen Schritt weiter. Soviel zum Stand der Dinge :P. 

Nach dem super leckeren Essen unterhielt ich mich noch lange mit Taemins Papa und wir aßen frisches Obst zum Nachtisch. Gegen 21 Uhr machten wir uns dann auf den Rückweg. Es war eine wunderschöne Erfahrung und absolut stressfrei. Ja – die Familie meines Freundes kommt aus einer anderen Kultur. Aber sie sind offen und herzlich und respektieren, dass ich keine Koreanerin bin.

Beim Abendessen brachte ich seine Familie allerdings zum Lachen, als ich bei einem Gericht begeistert zugriff und sagte: „Lecker, Kartoffeln!“ (endlich kam mir etwas bekannt vor). Es handelte sich allerdings um grob geschnittene Rettichstücke…

Galbi-jjim (Foto aus dem Internet) – sieht aber doch aus wie Kartoffel, oder?