Zuhause in Seoul

Covid-19

Zum Thema Covid-19 habe ich mich im Blog bisher zurückgehalten. Nun kamen aber vermehrt Anfragen dazu, wie ich es denn in Südkorea erlebe. Natürlich tendiere ich dazu, die Vorgehensweise meines Heimatlandes mit der Vorgehensweise meiner Wahlheimat zu vergleichen. Also – was läuft in Korea anders?

Ausgangssperren gibt es keine und beim social distancing hilft es, dass fast jeder Mensch einen Mundschutz trägt. Dadurch ist der Alltag nicht so eingeschränkt, wie es derzeit in Deutschland der Fall zu sein scheint. Allerdings ist mir bewusst, dass Masken in deutschen Medien als kein guter Schutz gegen das Virus bezeichnet werden. Koreanische Mediziner sagen dagegen, dass es sehr wohl hilft. Ich für meinen Teil habe mich dazu entschieden, den Mundschutz zu tragen. Zumindest hält er mich davon ab, mir unbewusst ins Gesicht zu fassen; meine Handhygiene vernachlässige ich dadurch definitiv nicht.

Nun aber zum Hauptpunkt dieses Blogeintrags: Korea ist eine kollektivistisch geprägte Kultur. Deutschland ist eine individualistisch geprägte Kultur. Man kann die Vorgehensweisen nicht vergleichen; man kann auch nicht Südkoreas Vorgehen 1:1 in Deutschland anwenden. Anfangs hat mich das frustriert, denn ich fragte mich „Warum verfolgt Deutschland denn die Strategie, welche schon in Italien nicht geklappt hat? Warum nimmt es sich nicht ein ostasiatisches Land zum Vorbild?“ Aaaber: Die kulturell geprägte Denkweise ist zu unterschiedlich. Was in Korea funktioniert, würde in Deutschland nicht klappen. Zwei Beispiele.

1. Die koreanische Regierung schickt mehrmals täglich Warnungen auf alle Smartphones des Landes. In diesem Land gibt es mehr aktive Smartphones als Einwohner! In den SMS werden detaillierte Informationen über positiv getestete Personen verschickt: wo der Mensch einkaufen gegangen ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, in welchen Restaurants die Person zuletzt war etc.

Dies ist aus individualistischer Sicht unvorstellbar, da es einen immensen Eingriff in die Privatsphäre bedeutet.

Es dient jedoch einem ‚höheren Zweck‚, nämlich dem, die Allgemeinheit zu schützen – dieses Argument macht aus kollektivistischer Sicht Sinn. Dabei ist es untergeordnet, ob das Individuum dadurch in Schwierigkeiten gerät (z.B. weil die veröffentlichten Informationen eine Affäre aufdecken könnten).

2. Aus kollektivistischer Sicht ist es schwer vorstellbar, dass Dinge wie „Bürger kaufen massenweise Klopapier“ oder „Menschen stehlen Desinfektionsmittel aus Kliniken“, geschehen.

Dieses Verhalten ist jedoch typisch für eine individualistische Kultur: Im Mittelpunkt steht das ‚ich‚ sowie eine kleine Kernfamilie, die es zu beschützen gilt. Besonders im Krisenfall greifen manche Menschen aus individualistisch geprägten Kulturen (zum Glück nicht alle!) deshalb zu drastischen Mitteln.

In Seoul war es groß in den Nachrichten, als Europäer und Nordamerikaner damit anfingen, die Regale leer zu kaufen! Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen; in Korea wird immer das „wir“ vor dem „ich“ betont.

In der momentanen Situation handelt die kollektivistische Kultur sehr besonnen und gemeinschaftlich orientiert. In Europa ist das zwar auch nun oft der Fall, aber es ist scheinbar so außergewöhnlich, dass viele Menschen es hervorheben. Trotzdem ist das sooo gut – danke dafür, dass ihr Andere unterstützt!

Übrigens nicht falsch verstehen: Dieser kulturelle Unterschied ist im Alltag nicht immer einfach für mich. Nicht zuletzt das Klischee schlechthin, wenn ich denke „Kann diese Person nicht mal ihre Meinung äußern?!“, auch wenn mir bewusst ist, dass individuelle Meinungsäußerung kulturell bedingt vermieden wird (da das ‚wir‘ wichtiger ist als das ‚ich‘).

Kurz zu meinem jetzigen Alltag: Wir befinden uns in Woche 5 des e-learning. Dazu benutzen wir Google Meets, um mit den Schülern zu kommunizieren, und folgen dem normalen Stundenplan. Die Schüler loggen sich zur jeweiligen Unterrichtszeit mit einem Link in den online-Klassenraum ein. Dank Mikrofonen und Kameras (Und kleiner Klassen von höchstens 18 Schülern! Und schnellstem Internet der Welt!) können wir den Unterricht fast normal weiterführen. Kommende Woche haben wie Frühlingsferien und anschließend soll der normale Schulalltag wieder aufgenommen werden.

Für unsere 12.-Klässler hat das International Baccalaureate vor ein paar Tagen alle Klausuren im Mai abgesagt – das ist so, als ob das Deutsche Abitur ausfällt. Ehrlich gesagt bin ich mir fast sicher, dass die weltweite Entscheidung des IB – sie betrifft Schulen in 156 Ländern…natürlich auch in Deutschland – einen Einfluss auf das Abitur haben wird. Dies bleibt jedoch abzuwarten.

Ansonsten halte ich mich momentan zu 99% an 4 Orten auf: in meiner Wohnung, in der Schule (2 min Fußweg von meiner Wohnung entfernt), mit Junis im Park und im direkten Viertel mit seinen kleinen, privat geführten Cafés und Restaurants. Meine Wege sind also sehr leicht nachvollziehbar. Ich vermeide öffentliche Verkehrsmittel sowie Besuche in anderen Vierteln. So, das war’s. Hoffentlich geht dies alles bald vorbei. Bis dahin und auch sonst: Passt auf euch auf!