Meine Gedanken

Kulturelle Unterschiede in unserer Beziehung

Eine Freundin stammt aus den Südstaaten der USA, ihr Mann ist Brite. Selbst wenn Briten und Amerikaner erst einmal viele Ähnlichkeiten aufweisen, meint sie: “Es gibt diese Diskussionen zwischen uns, welche irgendwann mit der Einsicht enden, dass Kulturunterschiede dafür verantwortlich sind.” 

Die Koreanische und die Deutsche Kultur sind in dieser Hinsicht oft wie zwei Welten. Besonders heftig ist folgender Unterschied: Deutschland ist eine individualistisch (“ICH”), Korea ist eine kollektivistisch (“WIR”) geprägte Gesellschaft. Selbst wenn ihr nur einen Urlaub in Japan oder Korea (oder Indien, China…) plant, lohnt es sich, einen Blick auf dieses Konzept zu werfen. Mir hat es geholfen, Situationen im Alltag besser zu verstehen.

Mittagessen in Seoul......und Abendessen in Nürnberg.

Selbstverständlich kann man nicht alle Deutschen, Koreaner oder wen-auch-immer in eine Schublade stecken. Wir sind Individuen! Trotzdem ist es genauso dämlich, die kulturell bedingten Unterschiede zu ignorieren. Sie existieren nämlich auf jeden Fall.

Wo und wie merken Taemin und ich kulturelle Unterschiede in unserer Beziehung? 

Erinnerungen. Mit neun habe ich die No Angels gehört, Taemin war Fan von 지오디. Als Kinder zählten mein Bruder und ich die Tage bis Weihnachten und öffneten jeden Morgen ein Türchen des Adventskalenders. T und seine Schwester freuten sich dagegen auf die mit Geld gefüllten Umschläge zum Neujahrsfest und die Überraschung am Kindertag. Ich habe mit meinen Großeltern im Dezember Plätzchen gebacken, Taemin hat mit seiner Oma im Oktober Kimchi zubereitet. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen, denn wir sind eindeutig in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen.

Kindheit :)Kindheit :)Vorbereitungen für das NeujahrsfestWeihnachtsmarkt in Deutschland

Etwas ablehnen. Was mir noch einfällt, ist das “Nein” sagen. Ein bekanntes Klischee über Asiaten ist, dass sie nicht “Nein” sagen können. Das ist natürlich Unsinn! Wenn ein Koreaner sich bei Starbucks eine Heiße Schokolade bestellt und die Bedienung fragt: “Mit Sahne?”, dann kann der Koreaner selbstverständlich mit “Nein” antworten. 

Häufig drücken Koreaner ihr “Nein” allerdings implizit aus, was wiederum zu oben genanntem Klischee führt. Es braucht dann Feingefühl, um die wahre Aussage zu verstehen. 

Beispiele: Taemin verwendet manchmal Ausdrücke wie „später“, wenn er “nein” meint. Grund: Die Gefühle oder der Rang des Gegenübers sollen nicht verletzt werden. Wichtig ist hierbei ein Konzept, welches uns in Europa unbekannt ist: Nunchi. Je schneller man non-verbale Signale richtig zu interpretieren weiß, desto mehr Türen öffnen sich einem in der Koreanischen Gesellschaft. 

Im Gegensatz dazu sind wir Deutschen weltweit bekannt für unsere Direktheit, am besten noch gepaart mit einer ordentlichen Portion Ironie – der Klischee-Deutsche verhält sich also gegenteilig!

Wenn T und ich unter uns sind, reden wir natürlich direkt miteinander und sagen nein. Er hat zudem 7 Jahre in westlich geprägten Gesellschaften gelebt und ich kenne mich mittlerweile gut mit den Erwartungen in Korea aus. Trotzdem ist es wichtig, dass wir uns dieses kulturellen Unterschiedes bewusst sind.

Geocachen in DeutschlandSpielautomaten in Korea

Es wird ernst: verloben, heiraten, gemeinsame Wohnung. Ein weiterer Unterschied ist die Reihenfolge dieser Ereignisse.

Wie es typischerweise in Deutschland läuft: gemeinsame Wohnung – Verlobung – das Paar plant die Hochzeit (mit Unterstützung der Familie) – Hochzeit und Hochzeitsfotos.

Wie es typischerweise in Korea läuft: die Hochzeit wird von der ganzen Familie geplant (Eltern haben oft genau so viel zu sagen wie die zukünftigen Ehepartner) – Verlobung – Hochzeitsfotos – Hochzeit – gemeinsame Wohnung.

In Deutschland wohnen die meisten Paare zusammen, bevor sie sich für’s Heiraten entscheiden. Aus westlicher Sicht klingt das logisch: Wie soll man sonst herausfinden, ob man den Alltag miteinander aushält?

In Korea wird normalerweise geheiratet und erst danach zieht das Paar in eine gemeinsame Wohnung. Zumindest die Eltern müssen zustimmen, sonst kommt es normalerweise nicht zur Hochzeit. Nicht, weil irgendwie gedroht werden muss, sondern weil die Meinung der Eltern eine viel bedeutendere Rolle spielt, als wir ICH-geprägten Individualisten es uns in Deutschland vorstellen können.

Durch die Hochzeit wird aus zwei Familien eine große Familie. Erst als Familie lebt man gemeinsam unter einem Dach. Hochzeitsfotos werden übrigens vor der Hochzeit gemacht. Besser? Schlechter? Anders!

Taemin wohnt allerdings jetzt schon so halb bei mir. Ich habe nämlich gesagt, dass ich ihn nicht heirate, wenn wir das Zusammenleben nicht wenigstens mal ausprobieren 😛 Da wir eh bereits verlobt sind, er außerdem der Sohn ist (bei einer Tochter wäre das vermutlich anders, aber das ist ein neues Thema..) und seine Eltern mich mögen, ist das glücklicherweise kein Problem. 

Im normalen Alltag. Welche Lichtverhältnisse bevorzugt ihr in eurem Wohnzimmer: Kaltes, weißes Licht oder warmes, gelbes Licht? Letzteres nennen Koreaner Europäisches Licht, haha. Wenn man sich so die Hochhäuser bei Nacht anschaut, dann ist weißes Licht beliebter. Taemin bevorzugt es ebenfalls! Er findet, dass dies viel moderner aussieht. Ich halte es für ungemütlich und bin in dieser Hinsicht scheinbar ganz die Europäerin. 

Wir merken unsere kulturelle Prägung jeden Tag. Ich finde jedoch, dass es unsere Beziehung bereichert. Bisher haben wir uns noch nie aufgrund eines kulturellen Unterschiedes gestritten. Stattdessen reflektieren wir unser Verhalten häufig, anstatt uns mit Vorurteilen à la “Asiaten können nicht nein sagen” zufrieden zu geben. 

Ein Video, welches die ICH und die WIR Kultur anschaulich erklärt (Länge: 5min). Mein Kollege verwendet dieses Video oft in seinem ESL-Unterricht.